Versicherer unter Zugzwang: Mehr psychisch Kranke werden berufsunfähig

Berufsunfähigkeit: Tauziehen zwischen Versicherern und psychisch Kranken

Psychisch Kranke haben mitunter nicht nur mit ihrer Krankheit zu kämpfen, sondern auch mit ihrer Versicherung: Wer gegen Berufsunfähigkeit versichert ist, muss die negativen Auswirkungen seiner Leiden nachweisen, um Geld zu erhalten. Doch das kann dauern.

Zunächst gilt es mit einem Vorurteil aufzuräumen: BU-Versicherungen stehen in dem Ruf, häufig Leistungen gänzlich zu verweigern. Das stimmt nur teilweise: Das Analysehaus Morgen & Morgen stellte fest, dass rund 75 Prozent der untersuchten Versicherer gemäß Vereinbarung zahlen. Rund 15 Prozent rücken zumindest einen Teil der Leistungssumme heraus. Glatte Ablehnungen gibt es lediglich bei 5 Prozent der Anträge. Alle Angaben beziehen sich auf die Gesamtheit der BU-Fälle, also nicht nur auf psychische Erkrankungen.

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Fast jede dritte Berufsunfähigkeit psychisch bedingt

Folgt man neueren Statistiken, so könnten BU-Versicherer bald erheblich unter Zugzwang geraten: Seit vielen Jahren nimmt die Diagnose „psychische Erkrankung“ zu, wenn es um Berufsunfähigkeit geht. Im Jahr 2009 überholten Depressionen & Co. sogar die bis dahin führenden Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats: Fast 30 Prozent der Anträge werden inzwischen aufgrund psychischer Erkrankungen gestellt.

Das allein wäre für die Anbieter von Berufsunfähigkeitsversicherungen nicht so schlimm. Viel entscheidender ist: Insgesamt schaffen es immer weniger Menschen, bis zum Rentenalter durchzuarbeiten. 2012 marschierten 180.000 Menschen in die Frührente – wegen Krankheit. Damit nicht genug: Weitere 42.000 beanspruchten Leistungen aus ihrer BU-Versicherung.

Insgesamt stieg die Zahl der Berufsunfähigen in den letzten fünf Jahren um sage und schreibe 20 Prozent. Und: Psychisch Erkrankte haben daran einen erheblichen Anteil.

Versicherer in der Klemme

Kenner der Branche sind sich sicher: Die Versicherer werden nicht umhin kommen, zu reagieren. Schließlich müssen sie darauf achten, die Balance zu wahren und nicht mehr Geld auszugeben als sie einnehmen. Natürlich könnten sie einfach die Tarife erhöhen. Allerdings sind Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit schon heute nicht billig. Aus Wettbewerbsgründen scheuen sich viele Versicherer vor zu starken Preissprüngen.

Experten vermuten deshalb, dass die Unternehmen eher eine härtere Gangart gegenüber ihren Kunden einlegen. So dürfte vielen Erkrankten, die Antrag auf Leistungen wegen Berufsunfähigkeit stellen, erst einmal eine Ablehnung ins Haus flattern. Die Anbieter setzen auf den Faktor Zeit.

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Systematische Verzögerungen

Indizien sprechen dafür, dass manche Berufsunfähigkeitsversicherungen bewusst auf Zeit spielen. Das beginnt mit Fragebögen, die 20, 30 oder auch mal 40 Seiten umfassen können. Gerade psychisch Erkrankte sind damit oft überfordert. Es ist nur logisch, dass viele Anträge nicht zu 100 Prozent korrekt und vollständig ausgefüllt werden. Zahlreiche Nachfragen sowie das Anfordern weiterer Unterlagen lassen mitunter Jahre ins Land gehen – ganz im Sinne der Versicherer.

Dazu kommt: Seelische Erkrankungen sind schwer als Ursache für Berufsunfähigkeit zu beweisen. Wie soll der Kunde belegen, dass er aus psychischen Gründen zu mindestens 50 Prozent seinen Beruf nicht mehr ausüben kann? Unter Umständen muss er etliche ärztliche Atteste beibringen. Auch das kostet viel Zeit.

Noch schwieriger wird es, wenn Gutachter ins Spiel kommen. In den Augen vieler Mediziner führt zum Beispiel das Burn-out-Syndrom nicht zwingend zu Berufsunfähigkeit. Versicherungen argumentieren deshalb gerne: Nach einigen Monaten Therapie könnte sich der Zustand so verbessern, dass der Patient wieder in den Beruf zurückkehrt.

Nicht abschrecken lassen – dafür ist die BU-Versicherung zu wichtig

Was bedeutet das alles für Versicherte? Um Ansprüche durchzusetzen, brauchen sie Geduld und Hartnäckigkeit. Auf keinen Fall sollte man sich von seiner Versicherung abwimmeln lassen. Notfalls helfen Verbraucherberatungen.

Ruhiger schlafen kann, wer über eine Rechtsschutzversicherung verfügt. Die hilft, Ansprüche notfalls gerichtlich durchzusetzen. Auch den oft hohen Forderungen von Gutachtern lässt sich damit gelassener entgegensehen.

Trotz der geschilderten Probleme sollte kein Beschäftigter auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung verzichten. Früher galt das vor allem für „Risikoberufe“ wie Dachdecker, Feuerwehrleute oder Maurer. Seelische Erkrankungen können aber jeden treffen – auch den Angestellten im Büro.

Um leistungsstarke und zugleich preisgünstige Versicherer herauszufiltern, sollte man sich eingehend informieren und einen unabhängige Berater zurate ziehen.